Reallabor « Raum bewohnen, Wandel erleben »

Reallabor zu nachhaltigem Wohnen und Netto-Null-Flächenverbrauch in Esch-sur-Alzette und Umgebung am 4. November 2025.

 

Anlass und Zielsetzung des Reallabors

Das Reallabor „Raum bewohnen, Wandel leben“ fand im Rahmen des Interreg-Projekts A IV LATI statt und widmete sich einem der zentralen Zukunftsthemen der Großregion: der Vereinbarkeit von bezahlbarem Wohnraum mit dem Ziel des Netto-Null Flächenverbrauchs (No Net Land Take– NNLT)

Der grenzüberschreitende Raum, insbesondere der Grenzraum um Luxemburg, steht unter einem doppelten Druck: Einerseits wächst die Bevölkerung dynamisch, was den Bedarf an Wohnraum weiter erhöht. Andererseits verpflichten sich europäische und nationale Strategien dazu, den Verbrauch neuer Flächen drastisch zu reduzieren und langfristig auf Netto-Null zu bringen. Boden wird dabei als endliche Ressource verstanden, deren Versiegelung weitreichende ökologische, klimatische und soziale Folgen hat.

Ziel des Reallabors war es, diese abstrakten Zielkonflikte für ein fachfremdes Publikum erfahrbar zu machen. Statt theoretischer Diskussionen standen persönliche Erfahrungen, kollektive Reflexion und spielerische Planungsszenarien im Vordergrund.

Rahmenbedingungen und Teilnehmende

Das Reallabor wurde mit logistischer Unterstützung der Universität Luxemburg von der Université de Liège (ULiège) und der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) konzipiert und durchgeführt. Aufgrund der Lage im mehrsprachigen Grenzraum wurde die Veranstaltung zweisprachig (Französisch/Deutsch) durchgeführt und simultan verdolmetscht.

 

 

Insgesamt nahmen 22 Personen teil, darunter Organisator:innen, LATI Projektpartner:innen, Fachleute aus Verwaltung und Forschung sowie Bürger:innen aus Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien. Die Gruppe war zwar kleiner als ursprünglich erhofft, zeichnete sich jedoch durch hohes Engagement, thematische Vorkenntnisse und intensive Diskussionsbereitschaft aus. Rückblickend zeigte sich, dass insbesondere der ganztägige Termin an einem Werktag, die Ferienzeit sowie die kurze Vorlaufzeit der Kommunikation die Reichweite eingeschränkt haben. Gleichzeitig ermöglichte die überschaubare Gruppengröße einen sehr offenen, persönlichen Austausch.

Rückblick auf das Reallabor

Aktivität 1: Wohnbiografien– Wohnen als persönliche Erfahrung

Der Einstieg in den Tag erfolgte über die Aktivität „Wohnbiografie“, die bewusst an den individuellen Lebensrealitäten der Teilnehmenden anknüpfte. Jede Person zeichnete ihre bisherige Wohnbiografie auf einer Zeitachse nach: von der Kindheit bis zur Gegenwart– und darüber hinaus mit einem Blick in die Zukunft.

 

 

Trotz sehr unterschiedlicher Biografien zeigten sich wiederkehrende Muster:

  • viele Teilnehmende wuchsen in Einfamilienhäusern oder großzügigen Wohnungen auf.
  • in der Studien- und frühen Berufsphase dominierten kleinere Wohnungen, häufig in Städten mit guter ÖPNV-Anbindung. (Anmerkung: Fast alle Teilnehmer:innen haben einen Hochschulabschluss.)
  • mit zunehmender beruflicher Stabilität und Familiengründung wuchs bei vielen der Wunsch nach mehr Wohnfläche, häufig verbunden mit einem Umzug ins Umland und längeren Pendelwegen.
  • Wohnortsänderungen resultierten meistens aus Familienvergrößerungen oder verkleinerungen, Jobeinstieg und in ausgewählten Fällen durch externe Einflüsse wie die geopolitische Lage am Wohnort

Fachlicher Input: „No Net Land Take

Nach der ersten Aktivität und einem gemeinsamen Mittagessen erhielten die Teilnehmenden einen kompakten fachlichen Überblick zum Thema „No Net Land Take by 2050“. Ziel war es, ein gemeinsames Begriffsverständnis zu schaffen.

 

 

Erläutert wurde unter anderem, was unter dem Begriff „Land Take“– also Flächenverbrauch und Bodenversiegelung– zu verstehen ist, warum Boden als nicht erneuerbare Ressource gilt und welche ökologischen Folgen eine Versiegelung insbesondere für die Biodiversität, den Wasserhaushalt und das Klima hat. Zudem wurde dargelegt, weshalb die Europäische Union das Ziel verfolgt, den Netto-Flächenverbrauch bis 2050 auf Null zu senken– nicht durch einen vollständigen Baustopp, sondern durch Maßnahmen wie Ausgleich, Nachverdichtung und Umnutzung bestehender Flächen.

Am Beispiel Luxemburgs wurde deutlich, wie schwierig die Umsetzung ist. Trotz ambitionierter Ziele bleibt der Flächenverbrauch hoch, während gleichzeitig Wohnraummangel und Preissteigerungen den Druck erhöhen. NNLT erfordert daher integrierte Strategien, Kooperation zwischen Ebenen und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz.

Aktivität 2: Planspiel– Raumplanung unter Druck

Den Kern des Reallabors bildete das Planspiel, in dem die Teilnehmenden selbst in die Rolle von Planer:innen schlüpften. Die Grundlage des Spiels war eine Karte im Maßstab 1:10.000 eines grenzüberschreitenden Gebiets zwischen der Stadt Luxemburg und den lothringischen Gemeinden jenseits von Esch-sur-Alzette (der Transect). Für dieses Gebiet wurde im Vorfeld eine Einwohnerzahl von 277.000 berechnet. Auf Basis realistischer Bevölkerungsprognosen sollten die Gruppen entscheiden, wo und wie bis 2030 (+ 27.000 Einwohner:innen), 2040 (+30.000 Einwohner:innen) und 2050 (+33.000 Einwohner:innen) zusätzlicher Wohnraum, im Hinblick auf das Ziel des Netto-Null-Flächenverbrauchs bis 2050 geschaffen werden kann.

 

 

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen zeigten sich mehrere gemeinsame Tendenzen:

  • das Neuausweisen geringer Dichten (typische Einfamilienhausgebiete) wurden bewusst vermieden und als nicht mehr zeitgemäß angesehen
  • der Fokus lag klar auf Verdichtung bestehender Siedlungen, insbesondere in Esch sur-Alzette und Luxemburg-Stadt
  • Industriebrachen wurden als wichtige Potenzialflächen zur Ausweisung von Wohnraum identifiziert
  • neue, sehr dichte Quartiere wurden nur punktuell umgesetzt, meist in gut über die Verkehrsachsen angebundenen Lagen
  • die Nähe zu Bahnlinien und Autobahnen spielte eine zentrale Rolle (Transit-Oriented Development)

Aktivität 3: Fishbowl-Diskussion

Die dritte Aktivität des Reallabors hatte das Ziel, die Erkenntnisse aus den vorherigen Programmpunkten gemeinsam zu reflektieren und weiterzudenken. Unter dem Titel „Visionen für zukunftsorientiertes Wohnen in und um Luxemburg im Jahr 2050“ wurde bewusst Raum für offene Fragen, persönliche Einschätzungen und bislang nicht angesprochene Aspekte geschaffen. Als Methode wurde eine Fishbowl-Diskussion, mit zwei konzentrischen Stuhlkreisen, wobei der äußere Kreis für die Zuschauer bestimmt war, die sich in den inneren Kreis begeben konnten, um sich zu Wort zu melden, gewählt. Diese ermöglichte einen lebendigen, strukturierten Austausch, bei dem alle Teilnehmenden flexibel zwischen Zuhören und aktiver Beteiligung wechseln konnten. Ergänzend hielten die Teilnehmenden ihre Gedanken, Fragen und Anmerkungen auf Karten fest, die thematisch gesammelt wurden.

Die etwa 45-minütige Diskussion wurde in drei Themenbereiche gegliedert:

  • Themenbereich 1– Bedürfnisse für zukunftsorientiertes Wohnen
  • Themenbereich 2– Wie und wo Wohnraum schaffen
  • Themenbereich 3– Umsetzbarkeit des NNLT-Ziels bis 2050

Fazit und Ausblick

Der Expertenaustausch und das Reallabor zeigen deutlich, dass das Zusammenspiel von starkem Bevölkerungswachstum, begrenzten Flächenressourcen und steigenden Wohnkosten den grenzüberschreitenden Raum um Luxemburg vor große Herausforderungen stellt. Während das Ziel des Netto-Null-Flächenverbrauchs als wichtige Orientierung anerkannt wird, fehlen bislang verbindliche grenzüberschreitende Instrumente, gemeinsame Monitoring-Systeme und ausreichend koordinierte Planungsansätze. Einigkeit bestand darüber, dass bezahlbarer und kompakter Wohnraum künftig nur durch stärkere Kooperationen zwischen Kommunen, frühzeitige Bürgerbeteiligung, attraktive Pilotprojekte sowie eine bessere Verzahnung von Planung, Mobilität und Ressourcenmanagement erreicht werden kann. Das Reallabor adressierte sowohl Praktiker:innen als auch die Zivilgesellschaft. Die Formate wurden so gewählt, dass Sie ein Laienpublikum an das Thema bezahlbarer Wohnraum, NNLT und den raumplanerischen Handlungsspielraum heranführen. Die Mehrheit der Teilnehmenden war bereits zu einem gewissen Grad mit dem Thema vertraut, was die Diskussionen bereicherte.

Weitere Informationen finden Sie im offiziellen Interreg-Bericht.